Was magisches Schenken über Strukturdruck, Effizienz und das Unausgesprochene verrät
Zum Jahresende gönnt sich die Wissenschaft manchmal einen kleinen Perspektivwechsel. Besonders bekannt ist die Weihnachtsausgabe des British Medical Journal (BMJ), in der seit Jahrzehnten humorvolle, oft absurde und dennoch analytisch ernsthafte Beiträge erscheinen. Sie zeigen: Wer mit einem Augenzwinkern fragt, kann manchmal tiefer sehen.
In genau diesem Geist habe ich ein fiktives Paper geschrieben:
„Coordinating Wonder: The Structural Reinvention of Magical Giving Systems“
Hier der quasi Artikel (engl.)
Was wie ein soziologisches Märchen klingt – eine Analyse des Systems rund um Santa Claus, Christkind & Co. – ist bei näherem Hinsehen eine Reflexion über unsere gegenwärtige Obsession mit Effizienz, Steuerbarkeit und der Unsichtbarkeit kultureller Arbeit.
Methodisch gedacht – ethnografisch erfunden
Das Paper basiert auf einer experimentellen Methodik. Ausgangspunkt war eine fiktionale, aber systematisch entwickelte Thick Description – also eine dichte Beschreibung der Welt des magischen Schenkens als kulturelles System: mit Akteuren, Logiken, Infrastrukturen, Spannungen. Aus dieser Beschreibung habe ich mithilfe von ChatGPT eine Reihe semi-strukturierter Interviews mit „Systemteilnehmer*innen“ generiert – vom Weihnachtsmann über symbolische Objekte bis hin zu Kindern. Diese Interviews wurden anschließend wie echtes qualitatives Datenmaterial codiert und analysiert, entlang des Gioia-Modells aus der Organisationsforschung.
Das Ergebnis: eine qualitative Studie über ein nicht-reales System, das reale Fragen stellt.
👉 Die gesamte ChatGPT-gestützte Entstehung dieser Interviews und des Analyseprozesses lässt sich hier transparent nachvollziehen:
Zur öffentlichen Konversation mit ChatGPT
👉 Die zugrundeliegende Thick Description gibt es hier:
Thick Description herunterladen (PDF)
Eine Welt zwischen symbolischer Bedeutung und logistischer Erschöpfung
Im Zentrum steht das, was in unserer Gesellschaft zunehmend fehlt: symbolisch aufgeladene, nicht-institutionalisierte Fürsorge. Magische Gabepraktiken wie Weihnachten oder das Drei-Königs-Schenken sind kulturelle Routinen, die emotionale Sicherheit und Gemeinschaftsgefühl erzeugen – ohne Verträge, Leistungsnachweise oder KPIs.
Doch auch diese Welt gerät unter Druck: Die zunehmende Fragmentierung, steigende Erwartungshaltungen, ökologische Krisen, Zeitknappheit und symbolische Erschöpfung zeichnen sich ab. Vier Spannungsfelder werden in der Analyse sichtbar:
- Emotionale Verpflichtung vs. strukturelle Überlastung
- Logistische Fragmentierung vs. Bedürfnis nach Koordination
- Traditionelle Legitimität vs. Anpassungsunfähigkeit
- Wunsch nach Reform vs. Angst vor Entzauberung
Und was hat das mit dem Jetzt zu tun?
Was magische Systeme betrifft, sagt man selten offen: „Das ist zu viel“. Vieles bleibt unausgesprochen – the unsaid –, weil das Ritual selbst als selbstverständlich gilt. Aber genau das macht es exemplarisch für viele reale Systeme in Staat, Zivilgesellschaft oder Nonprofits: Auch dort arbeiten Menschen an symbolischer und emotionaler Reproduktion – leise, strukturlos, prekär.
In einer Welt, die immer stärker auf Hyper-Effizienz, Kostenoptimierung und Budgetminimierung getrimmt ist, werden genau diese Systeme nicht gesehen – oder gleich mitrationalisiert. Das Ergebnis ist oft eine Abwärtsspirale struktureller Entwertung:
Ein race to the bottom, ein klassischer circulus vitiosus, in dem jede Einsparung den symbolischen Wert verringert – und der verringerte Wert dann zur nächsten Einsparung legitimiert.
Genau hier setzt die Perspektive des Papers an:
Was wäre, wenn wir solche Systeme nicht „professionalisieren“ im Sinne von Bürokratisierung, sondern institutionell stützen, um ihre symbolische Kraft zu erhalten?
Frohe Festtage – und mögen wir im kommenden Jahr mehr Strukturen schaffen, die Bedeutung nicht zerstören, sondern tragen.
